Im Augenblick wird das JMStV, ein Gesetz, dass im (deutschen) Internet verschärfte Altersbeschränkungen durchsetzen soll, im Internet heiß diskutiert. Und zwar vor allem unter dem Aspekt, dass es möglicherweise (das wird von Jurist_innen durchaus unterschiedlich eingeschätzt) die freie Meinungsäußerung im Netz gefährde, da es die Betreiber_innen von Blogs etwa unter ein unkalkulierbares Abmahnungsrisiko setze, die erhebliche Strafgelder riskierten, sollte z.B. die Selbsteinschätzung der Inhalte nicht irgendwelchen offiziellen Standards entsprechen. Ich möchte an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen, dazu wurde an anderer Stelle schon viel gesagt.
Was mich aber neben der Bedrohung meiner Meinungsfreiheit, wie eigentlich der ganzen Jugendschutzgeschichte, auch nervt, ist wie Menschen, die von der Rechtslage als Jugendliche oder Kinder definiert werden, behandelt werden: Wie eine Art Gemüse, dass um nach dem Idealbild unseres Staates zu wachsen, ja richtig gegossen, gelegentlich zurückgeschnitten und bloß nicht mit zu viel Mist übergossen werden soll. Als reiner Patient erzieherischer sowie staatlicher Dressurbemühungen. So scheint es, hundert Jahre nach Freud, noch immer eine Art Vorstellung zu geben, dass Kinder als irgendwie reine Wesen auf die Welt kommen, die nicht von sich aus Aggressionen, Spaß an Gewaltdarstellung, oder sexuelle Interessen hätten. Dass man diese Dinge vielmehr möglichst von ihnen fern halten und tabuisieren muss, bis den kleinen Engelein Brüste und Bärte wachsen und sie dann selber alt und lasterhaft sind. Dass die Entwicklung eines Menschen aber niemals nur Resultat einer Erziehungsbemühung (die es als solche erst in jüngerer Zeit gibt) sondern stets auch Resultat ihrer eigenen Selbsttätigkeit ist, kommt in dieser Blickweise nicht vor.
Gerade was sexuelle Inhalte angeht habe ich bisher noch nirgends auch nur den Hauch einer wissenschaftlichen Begründung dafür gelesen, derartige Inhalte Jugendlichen vorzuenthalten. Man könnte natürlich argumentieren, dass dargestellte Sexualpraktiken in Pornos etwa sexistische Vorstellungen vermitteln, aber danach läuft die Selektion ja nicht ab. Schließlich gelten für feministische Pornos z.B. auch keine anderen Freigabekriterien. Statt dessen soll Kinder von greisen Biologielehrer_innen beigebracht werden, dass der Penis die Vagina penetriert weil man sich so sehr lieb hat oder so. Nächste Stunde werden dann wieder Froschschenkel seziert. Dass man auch ohne in einer Beziehung zu sein guten Sex haben kann, und sogar ganz alleine, das finden eigentlich alle ja früher oder später trotzdem heraus. Natürlich verschämt, über Andeutungen, Nachts hinterm Haus, im Bewusstsein irgendwas schmutziges, unnatürliches zu tun, denn ansonsten gäbe es ja nichts zu verbergen. Und so geht die Sexualmoral in die nächste Runde, sobald aus den Jugendlichen selbst Erwachsene mit Kindern geworden sind, denen sexuelle Interessen von Kindern (Oder sexuell interessierte Kinder) als widerlich und unnatürlich erscheinen, weil ihnen ihr eigenes Begehren als Kind als solches vermittelt wurde. Man verzeihe mir meine Amateurpsychologie, aber in der Tat scheint mir der Jugendschutz ein Werkzeug einer pathologischen Gesellschaft gegen ihren Nachwuchs zu sein, der ja bekanntlich in ihr nichts zu sagen hat.
Die einzige gute Nachricht ist wohl, dass die Netzwerke, die wir als Kinder gebildet haben, wahrscheinlich schwer zu knacken sind, solange es nicht gelingt die pädagogische Überwachung mit ihren Daumschrauben und Scheuklappen auf den ganzen Tag auszudehnen. Und solange diese Netzwerke existieren, werden Jugendliche weiterhin Möglichkeiten haben an Objekte ihres Interesses - seien es Informationen, Medien, Computerspiele, Rauschmittel, oder Erfahrungen - zu gelangen. Das ist auch eine Form von Klassenkampf. Das JMStV ist in dieser Hinsicht ein weiterer Angriff auf die Neugierde und Selbsttätigkeit junger Menschen. Das scheint aber niemanden zu interessieren, auch unter Linken nicht. Aber wir sind ja auch keine Kinder mehr...
Mittwoch, 8. Dezember 2010
Von der Disziplinierung der widerlichen Jugend - Anmerkung zum JMStV
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