Dieser Text ist ein Ausschnitt aus einer von mir geschriebenen Arbeit zur Frühgeschichte der Goten. Ich habe mich dazu entschieden, ihn hier zu veröffentlichen, da ich es interessant finde, dass dieses Thema bei allen Diskussionen zum Nationalismus in allen Varianten überhaupt nicht behandelt wird. Auch bei der Debatte um eine deutsche Spezifik des Nationalismus könnte das Thema "Gotizismus" eine Rolle spielen. Ich denke, dass er trotz seiner Referenzen auf andere Teile der Arbeit durchaus verständlich ist.
Wissenschaft ist nicht neutral. Sie findet immer vor einem bestimmten gesellschaftlichen Hintergrund statt und ist in der Regel auch von Interessen geprägt, die außerhalb ihrer selbst stehen. An dem historischen Diskurs über die Goten zeigt sich dies in besonderer Deutlichkeit. Wenn die Geschichtswissenschaft nicht nur Ideologie reproduzieren will, muss sie die Diskurse, in denen sie sich bewegt, hinterfragen. Der folgende Abschnitt dient diesem Zweck.
Das Ende der Gotenreiche und die Assimilation der gotischen Kultur bedeuteten keineswegs, dass die Goten in Vergessenheit gerieten. Im Gegenteil, gerade ihr Verschwinden beförderte ihren Aufstieg zum Mythos. Noch über tausend Jahre nach Ende des Toledanischen Reichs führten die Goten ein befremdliches Nachleben in der westlichen Kulturgeschichte und Politik. Der Mythos von dem „jungen Volk“ von „Welteroberern“, das das oftmals als „dekadent“ dargestellte römische Reich herausforderte und bezwang, war für die verschiedensten Gruppen attraktiv. Und durch die zahlreichen Wanderschaften der Goten, sowie die Tatsache, dass sie keinen direkten Nachfolger hinterließen, war dieser Mythos besonders anschlussfähig. Dass die tatsächlich häufig von schierer Not getriebenen und oftmals nur durch blankes Glück überlebenden Goten dabei ausschließlich als Projektionsfläche eines gegenwärtigen Bedürfnisses dienten, ist selbstverständlich. Man kann sagen, die „Gotizisten“ unterwarfen die Goten, in Nachfolge Cassiodors, ihrer eigenen „Interpretio“ um sich ihr Prestige anzueignen.(1)
Doch die Goten wurden nicht nur idealisiert, sondern auch als Sinnbild für das Rohe, Unkultivierte und Ungebildete verwendet. So vor allem von den italienischen Humanisten, die den Baustil transalpiner Kirchen und Kathedralen als „gotisch“ abtaten. Die pejorative Bedeutung ging mit der Zeit verloren, doch der entsprechende Baustil wird bis heute als Gotik bezeichnet. Das negative Gotenbild der italienischen Humanisten reizte allerdings deren Gegenüber aus dem deutschsprachigen Raum dazu, sich selbst mit den Goten zu befassen. Diese kehrten die negative Bewertung schließlich ins Positive und machten die Goten zu triumphierenden Erneuerern der zerfallenden römischen Welt. Sich selbst erklärten sie, indem sie die Goten auf der Basis von linguistischen Argumenten zu „Deutschen“ machten, zu deren Nachfahren. Gerade vor dem Hintergrund des Konfliktes um die Reformation konnte diese Projektion wirkmächtig werden.(2) Doch keineswegs blieb es mit dem Gotizismus bei einem Gelehrtendiskurs: So begann die schwedische Monarchie im 15. Jahrhundert damit, sich als Nachfolger der Goten zu betrachten. Dabei nahm sie den von Jordanes überlieferten Mythos der skandinavischen Herkunft der Goten auf. Dieser Mythos war geeignet, der noch jungen schwedischen Monarchie eine bis in biblische Zeiten zurückreichende Geschichte und somit eine ideologische Legitimation zu verleihen. Auch im Nationalismus der schwedischen Romantik spielte der Gotizismus, selber eine Art embryonaler Nationalismus, wieder eine Rolle. Neben einigen spanischen Adeligen, die vielleicht noch mit am meisten Recht auf tatsächliche gotische Vorfahren verweisen konnten, beanspruchten auch die Habsburger die Nachfolge der gotischen Könige. Die Herrschaft der Habsburger in Spanien ließ sich somit quasi als gotische Wiedervereinigung betrachten.(3)
Auch in Polen, Frankreich und im anglo-amerikanischen Raum entwickelten sich Varianten des Gotizismus.(4) Zuletzt entfaltete bei den Nationalsozialisten der Gotizismus sein rassistisches Potential. Wie schon bei den klassischen Gotizisten versicherte man sich, indem man die Geschichte der Goten, ja der Germanen generell, als die eigene beanspruchte, seiner Überlegenheit und verlängerte die eigene Geschichte in eine ferne Vergangenheit. Doch wurde der Gotizismus hier erstmals in eine ausgebildete völkische Ideologie integriert und mit einem umfassenden Anspruch auf „Rückeroberung“ verbunden. Dem nationalsozialistischen Gotizismus verdankt Gdynia seine vorübergehende Bezeichnung als Gotenhafen: Archäologen, von denen viele im Dienst des Faschismus der Wehrmacht nachfolgten, meinten, das Weichselgebiet als einen alten Siedlungsraum der Goten ausgemacht zu haben. Auch die einstmals von Goten besiedelte Krim sollte „wieder“ deutsch besiedelt werden und es gab Pläne, Sewastopol nach einem Ostgotenkönig in Theoderichshafen umzubenennen.(5)
Man kann an all dem deutlich sehen, wie ein bestimmter historischer Diskurs, der sich durch die Geschichte der Neuzeit zieht, die Funktion von Ideologe erfüllt: Er legitimiert Herrschaft sowie Eroberung und stiftet Gruppenidentitäten anhand von Grenzlinien erfundener Verwandtschaft. Gleichzeitig verstellt dieser Diskurs den Blick auf den historischen Gegenstand. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die deutschsprachige Geschichtswissenschaft freilich auf Distanz gegangen: Die Gleichsetzung von Germanen und Deutschen wurde verworfen und archäologische Materialkulturen nicht mehr einfach mit Ethnien gleich gesetzt.(6) Auch die Vorstellung, dass es sich bei den „Stämmen“ und „Völkern“, von denen die alte Geschichte so viele zu kennen meinte, um homogene Abstammungsgemeinschaften handle, wurde aufgegeben. Stattdessen dominiert eine unter dem Begriff der „Ethnogenese“ bezeichnete Theorie, die biologische oder statische Definitionen von Menschengruppen ablehnt. Sie stellt einen kontinuierlichen Prozess der kollektiven Identitätsbildung in den Vordergrund, bei dem sogenannte „Traditionskerne“, in der Regel ein aristokratisch-dynastisches Element, eine wichtige Rolle einnehmen.(7) Wenn also mit dem Gotizismus, der die Betrachtung der Geschichte der Goten so geprägt hat, in der Nachkriegszeit erfolgreich gebrochen wurde, wozu dann dieser Exkurs? Folgt man Michael Kulikowski, dann habe die Geschichtsschreibung zwar ihre national-chauvinistische Zielsetzung überwunden, Elemente des skizzierten Diskurses wirkten in der Gotenforschung dennoch nach. Dies zeige sich besonders angesichts der Unfähigkeit, den Herkunftsmythos des Jordanes richtig einzuordnen und ihn zu überwinden. Stattdessen werde diesem hartnäckig ein Wahrheitskern unterstellt, obwohl dazu kein stichhaltiger Beweis erbracht werden könne.(8) Somit lässt sich wohl festhalten, dass die Auseinandersetzung mit dem Gotizismus weiterhin eine Voraussetzung für die Beschäftigung mit der gotischen Geschichte ist.(9)
1 Auch für die folgenden Absätze relevant: H. Wolfram, Die Goten, 1990, S. 13-16.
2 Dies geschah im Anschluss an die Tacitus-Rezeption etwa in der Schrift „Exegesis Germaniae“ des Franciscus Irenicus. Motivation auch hier, eine eigene, altehrwürdige Geschichte zu gewinnen. Hierzu: D. Mertens, Die Instrumentalisierung der „Germania“ des Tacitus durch die deutschen Humanisten, in: H. Beck [u.a.] (Hrsg.), Zur Geschichte der Gleichung „germanisch-deutsch“, Berlin 2004, S. 37-102, hier S. 78 ff.
3 K. Neville, Gothicism and Early Modern Historical Ethnography, JHI 70 (2009), S. 213-234.
4 Der anglo-amerikanische Gotizismus sei durch ein Zitat kurz gekennzeichnet: „The Goths, the common ancestors of the inhabitants of North Western Europe, are the noblest branch of the Caucasian race. We are their children. It was the spirit of the Goth, that guided the May-Flower across the trackless ocean; the blood of the Goth, that flowed at Bunker's Hill. Nor were the Goths the savage and destructive devastators, that popular error has made them. They indeed overthrew the dominion of Rome but they renovated her people“. Aus: G. P. Marsh, The Goths in New-England, Middlebury 1813, S. 14
5 M. Kulikowski, 2009, S. 53-55.
6 P. Heather, The Goths, Oxford 1996, S.13 ff.
7 H. Wolfram, Die Goten. 1990, S. 17.
8 Zudem sei die Ethnogenese-Theorie weder so neu, noch so alternativlos, wie sie gerne dargestellt werde. So habe die Überbetonung einer herrschenden Elite als identitätsstiftendes Element durchaus Entsprechungen in der als bewältigt geglaubten älteren Forschung. Auch sei man für die Erklärung von ethnogenetischen Prozessen durchaus nicht auf „Traditionskerne“ angewiesen. Hierzu: M. Kulikowski, 2009, S. 54, 74 f.
9 M. Kulikowski, 2009, S. 54, 58-59.
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