Donnerstag, 14. Februar 2013

Ein militarisierter Soziologe plädiert für die Drohnen-Aufrüstung

Ich wurde eben auf den Artikel "Warum die Bundeswehr Drohnen braucht" des Militärsoziologen Detlef Buch aufmerksam gemacht. Ein Musterbeispiel für Demagogie und suggestive Rhetorik, wenn man mich fragt. Ich konnte nicht widerstehen und musste den Text kurz kommentieren.
"Wieder einmal werden unnötig Ängste um den Kauf und den Einsatz von Waffensystemen geschürt. Die Ängste bedienen deutsche anti-militärische Phobien und gehen komplett an der Realität vorbei - auch dieses Mal beim Thema Drohnen."
Man beachte die Semantik: Es werden Ängste geschürt, die Phobien bedienen, welche darüber hinaus völlig an der Realität vorbei gehen. Ein streng genommen völlig sinnloser Satz, der im Grunde nur in dreifacher Ausführung impliziert, dass KritikerInnen der Drohnen völlig irrational ja geradezu geisteskrank sind. So sieht der Anfang einer sachlichen Auseinandersetzung mit einem Thema aus.
"Zunächst einmal wäre es besser, viel besser, eine Übersetzung aus dem Englischen zu Rate zu ziehen: Dort heißen die Drohnen nämlich "Unmanned Aircraft Systems", also unbemannte fliegende Systeme."
Na, solange das System nicht Windows ist, was da rumfliegt... erstklassige Übersetzung! Aber Euphemismen sind natürlich grundsätzlich was feines, das beruhigt gleich das Gemüt!
"Und manch einer wird es kaum glauben, aber die Bundeswehr setzt sie seit Jahren erfolgreich ein. Sie heißen Heron 1, ALADIN, Mikado, Luna oder KZO. Bisher dienen sie zum Beispiel zur Aufklärung von Zielen oder sollen feststellen, ob der Einsatz anderer Waffensysteme erfolgreich war, sprich zur Trefferanalyse."
Wenn etwas seit Jahren im Einsatz ist, wird es dadurch natürlich unproblematisch. So wie Streubomben, Anti-Personen-Minen und Uranmunition. Nennt man wohl die Normativität des Faktischen oder so.
"Solche fliegenden Killermaschinen, wie manch einer sie gerne bezeichnet, passen nicht ins Selbstbild unserer Gesellschaft. Denn die lehnt Gewalt zunehmend ab und orientiert sich an femininen Normen und Werten. Begriffe wie Kampf, Ehre, Stolz, Sterben, Krieg und Töten und Getötetwerden sind quasi verbannt aus dem kollektiven Miteinander. Ersetzt wurden sie durch Begrifflichkeiten wie Verständnis, Konsensfähigkeit und Frieden."
Da wollte sich der Detlef beim Frühstücksei mit seiner Frau über Stolz, Ehre und Töten unterhalten, doch es kam nichts aus seinem Mund heraus außer Friede, Freude Eierkuchen! Diese fiesen femininen Normen! Kein Wunder, dass er da anfangen muss, Propagandartikel zu schreiben!
"Natürlich sind das lautere und erstrebenswerte Tugenden. Nur verkennen sie völlig die Situation, in der sich deutsche Soldaten befinden - jene Männer und Frauen, die unser Souverän in den Kampfeinsatz ans Ende der Welt schickt. (...) Unsere Gesellschaft verdrängt gerne, wozu Militär eigentlich da ist und wozu es ausgebildet wird: schlichtweg zur Anwendung physischer Gewalt. Doch das ist der Kern des Militärischen. Und ob die Mittel der Gewaltanwendung nun Kampfdrohnen, Panzerhaubitzen oder Eurofighter heißen, ist letztlich ganz egal."
Wer außer irgendwelchen Vollidioten, die die Propaganda davon glauben, dass die Bundeswehr in Afghanistan angeblich nur Krankenhäuser baut, Katzen von den Bäumen holt oder den Einheimischen beibringt, wie sie ihren Namen tanzen, denkt eigentlich irgend etwas anderes, als dass das Militär ein Gewaltmittel ist? Der Abschnitt tut eigentlich etwas anderes: Er impliziert, dass der Zweck des Militärs, die Gewalt, auch jedes Mittel der Gewalt legitimiert. Dies ist natürlich ein logischer Fehlschluss. Davon muss gleich mit einer dreisten Behauptung abgelenkt werden:
"Die Debatte um Drohnen für die Bundeswehr ist deshalb in Wahrheit eine Debatte darüber, wie viel Realität unsere Gesellschaft verträgt."
Die Botschaft ist erneut: Buch repräsentiert das Realistische, Vernünftige usw während alle, die seinen Standpunkt nicht teilen, in einer Wahnwelt leben. Die im Text später folgende Behauptung, Drohne führten zu weniger Kollateralschäden, scheint mir unglaubwürdig, doch ein echter Brüller kommt gleich danach:
"Außerdem sind sie die logische Konsequenz aus den vielen konzeptionellen Vorgaben und Papieren, die in und um die Bundeswehr in den letzten 20 Jahren verfasst wurden. Die Bundeswehr soll eine moderne Einsatzarmee werden, die am Hindukusch und überall auf der Welt kämpfen kann. Das ist die Realität im Jahr 2013!"
Brilliant: Weil die letzten 20 Jahre lang irgendwelche Konzepte entwickelt wurden, muss das jetzt auch so gemacht werden. Man kann ja nicht einfach so seine Meinung ändern, das wäre ja unrealitisch.
"Dies ist ein Plädoyer dafür, unsere Soldatinnen und Soldaten, die im Auftrag und zum Schutz des deutschen Volkes ihren Dienst in lebensgefährlichen Krisengebieten dieser Welt vollziehen, bestmöglich auszubilden und auszurüsten."
Hier wird uns erst das Ideologem untergemogelt, dass die Auslandseinsätze der Bundeswehr tatsächlich dazu dienen, irgend eine konkrete (deutsche) Bevölkerung vor realen Aggressoren zu schützen und nicht nur imperialistische Versuche sind, sich auf dem Parkett der Großmächte zu bewähren. Dann wird auf die Tränendrüse gedrückt: Wer sich derartig edelmütig für uns in die Bresche wirft, der soll auch so gut wie möglich ausgerüstet sein! Mit anderen Worten: Dass der deutsche Staat junge Männer und Frauen für seine außenpolitischen Ziele zum Töten abrichtet und instrumentalisiert wird zum Argument dafür gemacht, dass dies auch tun soll und zwar mit maximaler Effektivität!
"Wer nun einwirft, diese unbemannten fliegenden Systeme könnten die Einsatzschwelle senken und verdeckte oder nicht legitimierte Kampfmaßnahmen ermöglichen, der zweifelt an unserer Demokratie."
Wer es auch nur in Erwägung zieht an unseren ja immerhin gewählten Führern oder gar unserer Staatsform zu zweifeln, sollte sich augenblicklich in Behandlung begeben.
"Und er zweifelt an unseren Soldatinnen und Soldaten, indem er ihnen latent zutraut, sich abseits ihrer politischen Vorgaben und Verhaltensrichtlinien zu bewegen, um Parlament und Volk zu täuschen. Solche Zweifel sind nicht akzeptabel und sollten kein Maßstab in der derzeitigen Diskussion sein."
Das ist wohl die Spitze eines zumindest mir neuen demokratischen Kadavergehorsams. Das besonders perverse an dieser Argumentation ist, dass die Soldatinnen und Soldaten, die ja hauptsächlich lohnabhängige Befehlsempfänger sind, quasi zum "Human Shield" für die Argumentation gemacht werden: Wer die Mittel und Ziele militärischer Gewaltentfaltung kritisiert, entehrt die tapferen Soldaten und das darf nicht sein, ist Verrat. Dies ist um so perverser, als dass die Personen, die letztendlich das militärische Morden in ihren Befehlen zu verantworten haben, nicht jene sind, die letztendlich an den Fronten stehen. Fast fühlt man sich erinnert an die Zeit nach dem Weltkrieg, als Antimilitarismus als Verrat an den wackeren Mannen gewertet wurde, die an der Front ihr Leben verloren haben. Dass ein stärkerer Antimilitarismus vielleicht die Rettung ihrer Leben hätte sein können, darf in dieser Logik nicht als Möglichkeit zugelassen werden.

Die Tendenz des Artikels ist Eindeutig: Er ist ein Plädoyer für die Entfesslung militärischer Gewaltmittel, welche die zunehmenden imperialistischen Ambitionen Deutschlands flankiert sowie für eine Entpolitisierung und Technokratisierung der Entscheidung über militärische Mittel. Hat man in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg eine Zeit lang Zivilisation vorgetäuscht, soll diese Attrappe nun endlich restlos resorbiert werden, damit man seinen angestammten Platz im Konzert der Weltmächte wieder mit allen Mitteln behaupten kann. Ehrfurcht und Vertauen sind die autoritären Haltungen, die wir nach dem Willen des militarisierten Soziologen Detlef Buch unserem Staat und seinen bedauernswerten Werkzeugen entgegenbringen sollen. Und "Realismus", was bedeutet, alle Zwecke des Staates und des Militärs als unhintergehbar und vernünftig zu akzeptieren.






Kommentare:

Benni Bärmann hat gesagt…

Naja, ich finde es schon auch wichtiger direkt gegen die Ziele der Bundeswehr zu agitieren als die Mittel mit denen sie das tun zu skandalisieren. Davon, dass der Knöpfchendrücker selbst im Flugzeug sitzt, kann sich ja erstmal nix kaufen.

Das einzige Argument dass mir gegen Drohnen einleuchtet ist, dass die Einsätze dadurch billiger werden und deswegen es wohl auch mehr geben wird. Das Kernproblem ist aber ja, dass die Bundeswehr da überhaupt rumspringt, ob sie das mit oder ohne Drohnen tun, ist sekundär. Gerade wird aber die öffentliche Diskussion ja eher so geführt, als seien die Drohnen ein Skandal und nicht die Leute, die sie bedienen und die, die ihnen den Auftrag dazu geben.

Pixel Utopia hat gesagt…

Ich denke, dass es Aufgabe des Antimilitarismus ist, auch militärische Aufrüstung zu kritisieren und soweit möglich zu verhindern. Dass eine Kritik der Zwecke mindestens eben so wichtig oder sogar wichtiger ist - geschenkt. Mir ging es in diesem Artikel allerdings eher um die ideologische Tendenz, die in diesem Artikel zum Ausdruck kommt.

Benni Bärmann hat gesagt…

Im Zeitalter der asymetrischen Kriegführung bedeutet "Kritik der militärischen Aufrüstung" dann aber auch eindeutig eine Parteinahme im Konflikt (anders als im kalten Krieg bedeutet Aufrüstung ja nicht mehr zwangsläufig eine Aufrüstungsspirale).

Das ist dann finde ich schon mehr als nur noch Antimilitarismus, sondern irgendwas in der Richtung Antiimperialismus. Das kann man wollen, muss man aber nicht.

Jetzt mal davon abstrahiert dass der kritisierte Artikel bestimmt ganz schlimm ist. Den hab ich ja gar nicht gelesen ;)

Pixel Utopia hat gesagt…

Um den Antiimperialismus mal außen vor zu lassen möchte ich mal noch einen ganz anderen Gesichtspunkt mit einbringen: Als Menschen, die eine radikale Veränderung der Gesellschaft wollen, müssen wir von der Möglichkeit ausgehen, dass jedes vom Staat eingesetzte Gewaltmittel potentiell irgendwann auch einmal gegen uns eingesetzt werden kann. Mir persönlich macht die Drohnentechnologie in der Hinsicht durchaus angst.

pow hat gesagt…

Schöner Beitrag von dir. Besonders spannend fand ich den "naturalistischen Fehlschluß" den du meinst entdeckt zu haben! Muss ich aber noch drüber nachdenken.

Ich finde, man darf sehr wohl den Einsatz von Drohnen in Frage stellen. Drohnen dienen genau dem Zweck, der benannt wurde: die menschlichen Soldaten der eigenen Seite schützen. Wichtig dabei: die der eigenen Seite. Die der anderen Seite will man weiterhin töten. Ob das jetzt Tommys, Iwans oder Mullahs sind. Menschenverachtend bleibt das so oder so, egal mit welchem Ziel.

Al-Kaida analysiert das in ihrem geleakten Anti-Drohnen-Papier (in dem Tipps gegeben werden, wie man sich vor denen schützen kann) sehr treffend: Die USA setzen mehr Drohnen ein, u.a. weil deren innenpolitischer Druck gegen die Militäreinsätze steigt, aber auch nur der, dass da Amerikaner sterben (nicht gegen den Militäreinsatz als solchen).

Ich würde also sagen, Drohnen sind der Eintritt in eine vermeintlich "pazifistische Kriegsführung", die unsichtbarmachung von Gewalt.